Weihnachten 1942

Karl Iosifowitsch Epstein, Weihnachten 1942
Ein jüdischer Junge überlebt deutsche Massaker in der Ukraine und erlebt als ukrainischer „Ostarbeiter“ eine deutsche Weihnacht in Berlin.  Weihnachten 1942 – Leseprobe 

Aus dem Russischen von Gabriele Pässler
Herausgegeben von Erhard Roy Wiehn
Hartung-Gorre Verlag Konstanz 2011

82 Seiten, 5 Farbseiten, € 14,80
ISBN 978-3-86628-389-3 und 3-86628-389-X

Rezension im religionspädagogischen Portal der katholischen Kirche

Karl Epstein 2009:

Auch 70 Jahre danach haben wir noch Hausaufgaben zu machen

„Gabriele, ich habe aus der Ukraine den Bericht eines Holocaust-Überlebenden mitgebracht. Der Autor bittet, ihn ins Deutsche zu übersetzen. Würdest du das machen?“ Das schrieb mir Sandra Maisch im Winter 2001/2002, einige Monate nach meiner Rückkehr aus Sibirien, wo ich als Volontärin des Ebenezer Emergency Fund International (Ebenezer Hilfsfonds) über zwei Jahre lang viel mit Juden zu tun gehabt hatte. Auch Sandra war Ebenezer-Volontärin gewesen, und so hatte sie Karl Epstein in Úman (Ukraine) kennengelernt.

Ebenezer – Operation Exodus (gegründet 1991) ist ein internationales christliches Hilfswerk, das jüdischen Menschen hilft, nach Israel zurückzukehren, das aber auch Holocaust-Überlebenden und jüdischen Gemeinden humanitäre Hilfe bringt. Damals arbeitete Ebenezer nur in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, inzwischen ist das Hilfswerk weltweit tätig.

Gerne kam ich der Bitte nach und habe den Bericht ins Deutsche übersetzt. – Es folgte ein Auslandsjahr, und nach meiner Rückkehr nahmen mich meine Arbeit und persönliche Fragen in Anspruch. Karl Epsteins „Weihnachten 1942“ geriet in Vergessenheit. Außerdem hatte ich ja getan, worum ich gebeten worden war.

2008 erhielt ich meinen ersten Lektorats-Auftrag, dem weitere folgten. In einer ruhigen Phase erinnerte ich mich, fragte bei Sandra nach (nein, es hatte sich noch kein Verlag dafür gefunden) und begann im Januar 2009, meine Übersetzung zu überarbeiten. Mein Brief an den Autor blieb unbeantwortet. 2002 war das ganz anders gewesen, damals waren einige Briefe hin und her gegangen. War Herr Epstein umgezogen, war er überhaupt noch am Leben?

Wieder einmal übersetzte ich die vierteljährliche Ebenezer-Publikation ins Deutsche. Da – ein Dankesbrief des Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde in Úman, Karl Epstein! Ich stieß einen Freudenschrei aus und schrieb ihm einen weiteren Brief – aber auch der blieb ohne Antwort.

So wurde es Herbst 2010. Ich kam zur Ruhe und lauschte … „Weihnachten 1942“! Ob Herr Epstein noch lebte? Aus der Ukraine erhielt ich schließlich seine Telefonnummer – keiner der letzten Briefe war angekommen und ja, sein Überlebens-Bericht darf gerne veröffentlicht werden. Wieder ging die Übersetzung auf die Reise, diesmal als Einschreiben und kam tatsächlich in Úman an. Inzwischen begann ich mit der Suche nach einem Verlag.

Ende Januar 2011, neun Jahre nach meiner ersten Begegnung mit diesen Erinnerungen, schenkte mir jemand ein Buch Jenseits des gelben Sterns von Inge Auerbacher. Es wurde mir zum Wegweiser; ich bin Professor Erhard Roy Wiehn sehr dankbar für seine engagierte und kompetente Editionstätigkeit, durch die das Buch sehr gewonnen hat. Ich habe dadurch viel dazugelernt! Mein Dank geht auch an Sandra Maisch für die Übermittlung dieses Berichts und an ihre Mutter, Frau Gisela Maisch, für das Abschreiben meiner mündlichen Übersetzung im Jahre 2002. Ich freue mich sehr, dass Karl Epstein diese Veröffentlichung noch erlebt.

*

Lebensberichte von Holocaust-Überlebenden waren mir nichts Neues, schon als Schulkind hatte ich solche Aufzeichnungen gelesen und später Jad Vaschem (Jerusalem) und das KZ Auschwitz besucht. Aber Karl Epsteins Bericht war anders, vielleicht wegen seiner kindlichen Unmittelbarkeit, vielleicht des äußerst ungewöhnlichen Abschlusses wegen; sicher hatte auch ich selbst mich verändert. – Lebendig im Bergwerk eingemauert, um Munition zu sparen! Der Verrat an Rechele. Das kleine Mädchen, das kein Wort mehr sprach, seit es seine Mutter verloren hatte und das auf die Rückkehr des Vaters wartete – er kämpfte gegen die Deutschen und würde sie sicher befreien. Der Kommandant und sein „Achtspänner“. Das von Kugeln durchlöcherte Gartenklo. Wohin nur? Wohin? Warum? Was haben wir armen ukrainischen Juden diesen reichen Deutschen getan?

Auch den Begriff „Ostarbeiter“ kannte ich schon, er sagte mir allerdings nur wenig. Mein Vater erwähnte in den Erzählungen aus seiner Lehrzeit (1943–1946) zwar immer „den Polen“, der in der Schuhmacherei mitarbeitete und immer wieder sagte: „Arme Kinder!“ War damit vielleicht „armer Günter“ (so der Name meines Vaters) gemeint? Aber mehr gab es dazu nicht zu hören. Ach ja, nachdem die Amerikaner Zwickau eingenommen hatten, erschien dieser Mann nicht mehr zur Arbeit. Mein Vater wurde in die Unterkunft geschickt, er sollte ihn zum Kommen auffordern – aber der blieb liegen und lachte ihn nur aus. [...] Auch eine ältere Frau aus meinem Heimatdorf erwähnte „die Ukrainer“, die ihrer Mutter in der Landwirtschaft halfen. Für meine kindliche Logik war es immer ganz klar: Die deutschen Männer waren ja im Krieg, und irgendwie mussten Alltag und Wirtschaft schließlich weitergehen.

Im Februar 2008 erfuhr ich, dass auch meine Großmutter „ein Mädchen“ aus der Ukraine beschäftigt hatte. Eine „Ostarbeiterin“ im Elternhaus meiner Mutter! Davon hatte ich nichts gewusst, in all den Erzählungen meiner Mutter (geb. 1939) war nie eine Ukrainerin vorgekommen. Für das kleine Mädchen gehörte sie wohl einfach dazu. Der kinderreiche Vater war heimatnah eingesetzt: Jeden Morgen brachte er Kriegsgefangene zu den Bauern und holte sie abends wieder ab. Wenn sie dann wieder mit am Tisch saßen, wies er pflichtgemäß darauf hin, dass die Gefangenen nicht mit Deutschen zusammen essen durften; das erzählte mir meine Mutter. Ob er es in seiner eigenen Familie auch so genau nahm? Wenn die junge Frau Post bekam aus der ukrainischen Heimat, so meine Tante weiter, war sie den Rest des Tages nicht mehr zu sehen … Wie es ihr wohl ergangen sein mag nach der Rückkehr in die geliebte Ukraine?

Ich glaube, dass wir Deutschen auch 70 Jahre danach noch einiges an Hausaufgaben zu erledigen haben. Initiativen wie der von Tübingen aus initiierte „Marsch des Lebens“ (www.marschdeslebens.org) bestätigen das. Deshalb wollte ich dazu beitragen, dass auch dieser Bericht veröffentlicht wird.

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Buchtipp zum Thema:

Jobst Bittner, Die Decke des Schweigens, TOS Verlag
320 Seiten, 16.95 €
ISBN 9783981244175
www.diedeckedesschweigens.de

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Zeitungsartikel:

Es muss nicht gleich ein Buch sein. Meine Kollegin Monika Maier hat auf einer Israelreise eine Holocaust-Überlebende kennengelernt und ihre bewegende Überlebensgeschichte aufgeschrieben. Esther Liebers größter Wunsch war, dass ihre Geschichte in einer deutschen Zeitung veröffentlicht wird.
Gerne habe ich im Lektorat dazu beigetragen. Das Ergebnis sehen Sie hier.

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